Marcus

Sommer

 

Nachmittagszeit. Es ist heiß. Und es ist 15 Uhr. Das heißt, die heilige Mittagsruhe ist vorbei. Es darf wieder gearbeitet werden.

Und als hätte ich es nicht geahnt, steht meine Mutter prompt vor mir und Heiko. Ihr Blick hat etwas Endgültiges. Heiko und ich wissen, dass wir uns jetzt aus unseren schattigen Liegestühlen quälen müssen.

Als wir vor meiner Mutter stehen, bin ich noch im Halbschlaf. Die Sonne macht mich immer so rammdösig. Die Aufgaben werden verteilt: Äpfel aufsammeln oder rasenmähen. Bevor ich den Mund öffnen kann, schreit Heiko laut: „Äpfel!“

Im nächsten Moment bin ich hellwach und verfluche mein Leben. Protest ist zwecklos. Meine Mutter sieht mich an und deutet wie ein Scharfrichter auf den Rasenmäher.

Ich hasse dich“, zische ich Heiko im Vorbeigehen zu. Zurück bekomme ich nur ein dämliches Grinsen.

Am Rasenmäher hänge ich mich erstmal fast mit dem Kabel auf. Ich fluche, wer das bitte so beschissen aufgerollt hat, doch alle sind in ihre Arbeit vertieft.

Ich blicke über unseren Garten. Der rasen hat die Größe mehrerer Fußballfelder. Nein, seien wir ehrlich – die Größe des Saarlandes. Ich starre kurz ins Leere.

Heiko hat sich einen Eimer und eine Greifzange genommen und sammelt heruntergefallene braune Äpfel auf. Durch sein unfassbares Bewegungstempo sieht er dabei aus wie ein Frührentner.

Während ich die ersten Bahnen mit dem Mäher des Grauens und seinem hässlichen Bruder, dem Wackelkontakt aus der Hölle, ziehe, fantasiere ich. Ich spiele mit dem Gedanken, Heiko einfach mit dem riesigen Teil umzuwämsen. Oder wenigstens über die Äpfel zu fahren, damit er die halb geschredderte Pampe mit den Fingern aus dem Gras pulen kann!

Die Sonne scheint mir direkt auf den Kopf. Ich beginne, mir einen Aufsitzrasenmäher zu wünschen. Getrieben von einem Zwölfzylindermotor könnten wir dann glücklich in den Sonnenuntergang fahren. Nur der Mäher und ich.

Nach Stunden in der Agonie jedoch, wittere ich den einzigen Hoffnungsschimmer dieses Tages. Es riecht nach Grillfleisch.

Schnell hänge ich den Korb mir Gras aus, kippe den letzten Rest in einem unbeobachteten Moment unter die große Tanne und schiebe den Mäher in Rekordzeit an seinen Platz zurück.

Ich sehe zum großen Tisch. Der Platz in der Mitte ist noch frei. Eigentlich steht dort Heikos Glas, doch er war sich so sicher, dass er kurz zur Toilette gegangen ist. Ein fataler Fehler.

Ich setzte mich auf den Platz und schiebe sein Glas zum Ende des Tisches. Es dauert nur Minuten, bis der Geruch von Essen die restliche Verwandtschaft aus ihren Ecken gelockt hat.

Heiko kommt von der Toilette zurück und wird kreideweiß. Zu zehnt sitzen wir und machen uns über das Essen her.

Sein Platz ist nun ganz hinten, dort, wo nur noch die Reste der Teller ankommen, nachdem sie über den Tisch gewandert sind.

Ich grinse ihm zu. Ich labe mich an der ausgleichenden Gerechtigkeit. Dafür – und nur dafür- lohnt sich der Sommer im Garten.

 

Flöckchen

 

„Schmetterlinge vergessen niemals sich ihre Rechte zu erkämpfen.“ Was? So ein Unsinn. Aber das war ja klar. Das hat man nun davon, wenn das Hirn krampfhaft versucht, einzelne Worte zu einem Satz zusammenzupressen.

Ich lese noch einmal das falsch geschnürte Satzkorsett, seufze und lege den Block beiseite. Eigentlich sollte ich an einer Reizwortgeschichte arbeiten. Stattdessen greife ich nach meiner Tasse und schlürfe den herrlich warmen Kakao. Von meinem Schreibtisch aus sehe ich aus dem Fenster. Schneeflocken schweben langsam der Erde entgegen. Es sind nicht diese normalen kleinen Flocken, die man kaum sieht, die einem aber trotzdem immer die komplette Sicht durch die Brille nehmen, weil sie die Gläser zu nässen. Nein. Heute sind es wunderschöne große Flöckchen- geradezu gigantische weiße Wattebällchen. Sie legen sich auf alles. Mein Fensterbrett, die Brombeeren im Garten, die ganze weite Heide. Akribisch decken sie alles zu. Dabei sind sie still und sanft. Sie stürmen nicht hektisch an mir vorbei, so wie jeden Morgen, wenn ich mit der Bahn fahre. Sie fallen einfach. Draußen ist es dunkel. Nur ein paar Straßenlaternen beleuchten meine kleinen Flöckchen. Sie strahlen Ruhe aus und jedes Mal, wenn ich mir die Zeit nehme, sie zu betrachten, werde auch ich ruhig.

Noch einmal nehme ich einen großen Schluck Kakao und seufze. Zeit. Zeit ist immer das, was man nicht hat. Ich auch nicht. Ich muss an meiner Geschichte für den Frauentag arbeiten. Angestrengt starre ich auf die wild zusammengewürfelten Worte, als könnte ich sie so dazu bewegen, sich zu einer schönen – und vor allem sinnvollen Geschichte zu fügen. Schmetterling, Recht, erkämpfen, Neumond, Telefonzelle… Ich lese es nun schon zum zwanzigsten Mal. Langsam beginne ich mich zu fragen, warum man sich für besondere Anlässe und Feiertage immer so viel Mühe machen muss? Wäre es einem Feiertag nicht gerechter, wenn man einfach ausspannen würde? Einmal nichts tun und ganz zur Ruhe kommen? Wenn man sich einfach die Zeit für etwas Schönes nehmen würde?

Ich sehe auf. Was meint ihr, meine wattig weißen Freunde? Meine hübschen kleinen Flöckchen.

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